Abstecher in die Geschichte

Der Name Castelnuovo kommt vom lateinischen "Castrum Novum", während Calcea wahrscheinlich vom lateinischen "Ad calcarias" kommt. Es könnte die römische Straße gemeint sein, die oft talwärts durch überschwemmtes Gelände ging und deshalb abgestützt war. Castelnuovo Calcea ist sehr alt. Die ersten Bewohner der Gegend waren wohl die Liguri Statielli, deren Spuren man noch in alten Ortsnamen findet. Vor der Eroberung durch die Römer im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung waren auch die Gallier oder Kelten hier, in Asti im Jahre 380 vor unserer Zeitrechnung. Dann kam das Gebiet, auf dem später Castelnuovo entstand, unter die Herrschaft der Langobarden, die unter ihrem König Alboino 568 u.Z. kamen. Nach dem Sieg Karl des Großen über den letzten König der Langobarden, Desiderius, kam das Land unter die Herrschaft der Franken.

Die ersten Belege über Castelnuovo Calcea gehen auf das Jahr 1142 zurück, als es zusammen mit anderen Dörfern der Gegend Teil des Comitato von Loreto war. Wahrscheinlich wurde damals die Burg errichtet, die nach der Überlieferung im Westen auf einem Hügel stand, wo sich heute der Ortsteil "Castello" befindet, oberhalb der Eisenbahnlinie Asti - Acqui. Diese Festung wurde nach der Überlieferung von Friedrich Barbarossa 1155 nach der Zerstörung Astis auf dem Weg nach Tortona in Brand gesetzt.

Damals wurde der erste Dorfkern besiedelt. Die Bewohner, die die damals in den beiden Provinzen von Asti und Alessandria stattfindenden Massaker überlebt hatten, hatten sich hier gesammelt. Der Markgraf Uberto von Incisa bemächtigte sich des Dorfes und errichtete eine starke Festung oder Burg, woraus sich der Name "Neuburg" (Castelnuovo) ableitet.

Nach der Niederlage Barbarossas und in Folge des Friedens von Konstanz 1183 erwarb Asti die Rechte über Castelnuovo, das damals eine wichtige strategische Position innehatte. Deshalb zwang die Gemeinde Asti den Markgrafen von Incisa, ihnen Castelnuovo zu überlassen. Im Krieg zwischen Ghibellinen und Guelfen wurde Castelnuovo Calcea geplündert, es blieb am Ende Besitz der mächtigen ghibellinischen Familie Guttuari aus Ast. Francesco Guttuari wurde 1395 von Kaiser Wenzeslaw der Titel Herzog von Mailand verliehen. Als Kaiser Karl V. die Grafschaft Asti an seine Schwägerin Beatrice von Portugal gab, verblieb Castelnuovo Calcea zusammen mit anderen Nachbardörfern im Herrschaftsbereich Mailands und bekam den Namen Castelnuovo delle Langhe.

Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) war Castelnuovo Calcea Streitobjekt zwischen Frankreich, Spanien und dem Herzog von Savoyen im Erbfolgekrieg um das Monferrato (1627-1630) nach dem Tod von Franz II. und Vincenzo Gonzago, Herzog von Mantua. Am 3. Oktober 1634 stürmte der Hauptmann des Herzogs von Savoyen, Stefano Re, Castelnuovo Calcea und besetzte es trotz des Widerstands, den ihm die Spanier entgegensetzten. Aber kaum hatte er sich des Dorfes bemächtigt, erhoben sich die Bewohner gegen ihn und fielen gemeinsam mit den Spaniern über die Invasoren aus Savoyen her. Hauptmann Re plünderte 1635 das Dorf, setzte es in Brand und zerstörte viele Häuser und die Burg. Seit diesen Ereignissen wird Castelnuovo Calcea "Castelnuovo bruciato" genannt, im Dialekt "brusà" oder Castelneuf brisé. Dieser Name wird noch heute von den Bewohnern der benachbarten Dörfer benutzt, um es von den anderen Castelnuovos zu unterscheiden.

Castelnuovo Calcea wechselte mehrmals den Lehnsherrn, 1652 wurde das Lehen von den Salinas an die Trotti abgetreten, die es bis Mitte des 19. Jahrhunderts behielten. Ende des 17. Jahrhunderts restaurierten (Trotti oder Scotti??) sie das Schloss und fügten eine weiträumige Galerie auf der Südseite hinzu. 1684 wurde unter tatkräftiger Hilfe der Dorfbewohner mit dem Bau der heutigen Pfarrkirche begonnen. (Bis 1817 gehörte Castelnuovo Calcea zum Bistum des Bischofs von Pavía.)

1735 wurde Castelnuovo im Vorfeld des Friedens von Wien 1738 von Savoyen annektiert (Asti gehörte schon seit 1531 zu Savoyen). Dabei verlor das Dorf einige Privilegien, die es vorher besessen hatte, denn der Absolutismus der Savoyer war auch gegenüber seinen Vasallen weitaus restriktiver als der österreichische. Die Privilegien der Savoyer waren während der französischen Revolution und der napoleonischen Zeit suspendiert, sie erhielten sie 1814 wieder. Definitiv abgeschafft wurde die Lehnsherrschaft erst von König Karl Albert mit der Errichtung des Statuts vom 4. März 1848.

1820 fungierte der Schlossbesitzer Pasquale Petrini als Repräsentant der Regierung und besaß auch richterliche Funktionen. Nach dem Tod seines Sohns Alexander 1870 ging das Schloss in den Besitz von Stefano Berneck über, der aus Südwestfrankreich stammte und mit dem Haus Savoyen verbunden war. Er siedelte sich mit seiner Familie in Savona an, wo er das Stahlwerk ILVA besaß. Der Sohn entfaltete zusammen mit seiner Frau, einer Hofdame von Königin Margherita von Savoyen, noch etwas Prunk im Schloss von Castelnuovo. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 gingen sie endgültig bankrott. Die Witwe Berneck blieb mit ihrem Sohn Antonio und dessen Familie im Schloss wohnen, aber sie mussten nach und nach alle Ländereien und 1939 auch das Schloss verkaufen. Die alte Frau beendete ihre Tage in zwei Zimmern des Schlosses, während der Sohn nach dem gescheiterten Versuch, eine Mineralquelle am Ort auszubeuten, 1935 nach Ostafrika emigrierte. Nach 1945 stürzte die gesamte Südfassade des Schlosses, das von den neuen Besitzern vernachlässigt wurde, ein. Gleiches geschah nach und nach mit den übrigen Teilen und dem runden Turm.

Heute gehören die Burg und die Denkmäler, die nach den verschiedenen Einstürzen (1945-1952-1961) übrig geblieben sind, der Gemeinde Castelnuovo Calcea, die das Gelände 1985 erworben hat. 1989 wurde die ersten Schritte unternommen, das Gelände aufzuräumen und die gemauerte Struktur zu erhalten (Hof, Eingang). 1998 wurde endlich der kreisrunde Sichtungsturm, das Wappen der Gemeinde, wiederhergestellt, in dessen Schatten ein weiträumiger Hof ausgegraben wurde - eine stimmungsvolle Bühne für verschiedene sommerliche Veranstaltungen (Tanzabende, gastronomische Veranstaltungen, Theateraufführungen). m Sommer 2004 wurden die Oliventerrasse, eín unterirdischer Weg, der zum Gipfel des Geländes führt, und eine öffentliche Grünanlage mit Aussicht von den Appenninen bis zu den Alpen, gebaut.

Partisanen im Piemont

1943/4 lag Castelnuovo Calcea innerhalb der von Partisanen befreiten Zone, die allerdings nur wenige Monate währte. In der von Bauern geprägten Provinz hatte sich in den 20 Monaten der Resistenza eine zahlenmäßig äußerst breite Partisanenbewegung gegen die deutschen Invasoren entwickelt, die auch vom Klerus unterstützt wurde und die einen hohen Preis an Gefallenen bezahlte. In vielen umliegenden Dörfern wird die Erinnerung an diese Zeit wachgehalten in Museen oder durch spezielle Wanderwege, die an wichtigen Orten vorbeiführen. Jährlich zum 25. April gibt es Veteranenfeiern mit Gottesdienst usw., je nach der politischen Ausrichtung der Dörfer.

Die Kampfformen im Piemont waren vielfältig, sie reichten von den Streiks in den Fabriken bis zu Sabotage-Aktionen z.B. an Bahngleisen oder gezielten Attentaten. Viele Partisanen kämpften auch im Ausland. Die Resistenza entwickelte ihre Breite erst nach dem 8. September 1943 v.a. als Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Nach der Kapitulation des faschistischen Italiens waren die italienischen Soldaten Freiwild für die deutschen Truppen. Viele von ihnen schlossen sich den Widerstandsverbänden an. Am 25. April 1945, dem heutigen Nationalfeiertag, kapitulierten die deutschen Truppen in Genua vor Partisanenbrigaden und Aufständischen. In Turin gab es einen lange vorbereiteten Arbeiteraufstand, der die Produktion in den Fabriken blockierte.

Innerhalb der Widerstandsbewegung gab es alle politischen Strömungen, die sich teilweise heftig bekämpften. Diese Auseinandersetzung hatte den Charakter eines Bürgerkriegs, was im Nachkriegsitalien unter den Tisch gekehrt wurde, als man das neue Italien ideologisch auf den angeblich gemeinsamen Widerstand gegen den Faschismus gründete und die KPI-Verbände offiziell die Waffen abgaben.

Aus Bauern wurden Fabrikarbeiter

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollen in Castelnuovo Calcea 3000 Menschen gelebt haben - verteilt auf den Hauptort und die in den Weinbergen verstreuten Weiler. Dann setzte die Emigration ein und das Dorf verfiel. Aus den Trümmern der Burg wurden Häuser gebaut, fast hätte man sie ganz abgerissen. Erst in den 80er Jahren setzte so etwas wie ein Wiederaufbau und eine Restaurierung des Dorfkerns ein, die sich an den alten Bauformen orientierte. Heute leben etwa 800 Menschen dauerhaft in Castelnuovo Calcea. Seit ein paar Jahren gibt es auch wieder eine Bar im Dorf. Mit Boom des Piemont als Region des guten Essens und Trinkens (die Slow Food Bewegung ist hier gegründet worden) haben auch vermehrt AusländerInnen alte Häuser aufgekauft und die Immobilienpreise mit in die Höhe getrieben.